Artist Statement: Die Anatomie der Fläche
„Ich bin ein Farbfetzenmaler.“ Dieser Satz ist für mich kein bloßes
technisches Bekenntnis, sondern eine programmatische
Entscheidung gegen die Glätte der zeitgenössischen
Bildoberfläche. In meiner Arbeit dekonstruiere ich das Bild in seine
elementaren Bestandteile: Farbe und Struktur.
Meine Technik der „Farbfetzen“ basiert auf einem obsessiven
Prozess des Schichtens und Reißens. Farbe wird bei mir nicht nur
aufgetragen, sie wird physisch behauptet. Jede gerissene Farbhaut
stellt ein kleines Bild für sich dar. Zufall und Überraschung sind
dabei wesentliche Faktoren. Mir geht es hier auch um den Flash,
den ich als Betrachter dabei empfinde und um die Dynamisierung
der Fläche. Es entstehen haptische Landschaften aus Pigment, die
sich einer schnellen, digitalen Konsumierbarkeit entziehen. Jeder
„Fetzen“ ist eine konservierte Zeit-Einheit – ein Moment der
Entscheidung, der auf der Leinwand stehen bleibt.
Ich suche die Spannung zwischen Chaos und Ordnung. In Serien
wie Personen die einer Handlung nachgehen, oder meinen
abstrahierten Landschaften geht es mir darum, die Grenze
zwischen Malerei und Objekt zu verwischen. Das Bild soll nicht
länger nur Fenster zu einer anderen Welt sein, sondern ein
eigenständiger, pulsierender Körper im Raum, der den Betrachter
zur physischen Auseinandersetzung zwingt.
Meine Kunst ist der Versuch, die Unmittelbarkeit des Augenblicks
in die Dauerhaftigkeit der Materie zu überführen.
Die Arbeiten von Andreas Dullnig drehen sich in erster Linie um die Darstellung von Menschen, sei es
Portraits oder Ensembles, die unterschiedlichen Aktivitäten nachgehen. Während Dullnig seine Arbeit
mit einer realistischen Darstellung beginnt, vertieft er sich bald in die Abstraktion, wobei der
künstlerische Prozess und die damit einhergehenden Entdeckungen neuer Methoden innerhalb der
Malerei für den Maler unabdingbar sind.
Ein Markenzeichen von Dullnig Kreationen ist die pulsierende Belebung der Leinwand. Eine
Leistung, die dem Künstler durch eine einzigartige Methode der Farbschichtung gelingt. Dabei wird
das Bild mit einer Unzahl von selbst angefertigten Farbschnipsel überarbeitet. Diese dynamische
Überlagerung fesselt den Betrachter nicht nur, sondern verbindet ihn auch mit rätselhaften
transzendenten Dimensionen seiner Kunstwerke. Eine weitere Methode die der Maler aus dem
schöpferischen Akt heraus für sich entdeckt und entwickelt hat, ist die Verzerrung der Darstellung
mittels waagrechten Linien. Dadurch bestätigt Andreas Dullnig sein Bestreben, sich der ernsthaften
Auseinandersetzung der Weiterentwicklung der Malerei nicht nur thematisch, sondern auch
technisch – methodisch voll hinzugeben.
Konzept: Das Narrativ der Sedimentation
Ein zentrales Argument für die narrative Tiefe in Andreas Dullnigs
Werk liegt in der Sichtbarkeit des Zeitkontinuums. Während die
klassische Malerei oft das Ziel verfolgt, den Entstehungsprozess im
fertigen Abbild verschwinden zu lassen, fungiert die
Farbfetzenmalerei als visuelles Archiv.
• Die Schicht als Ereignis: Jeder Farbfetzen ist kein bloßes
Gestaltungselement, sondern die Dokumentation einer zeitlich
datierten künstlerischen Handlung. Die Übereinanderlagerung
dieser Fragmente erzeugt eine „materielle Erzählung“, die
Parallelen zur geologischen Sedimentation oder zur
menschlichen Erinnerung aufweist: Altes bleibt unter Neuem
präsent, schimmert durch oder bricht gewaltsam an die
Oberfläche.
• Widerstand gegen die digitale Flachheit: In der narrativen
Struktur Dullnigs wird das Bild zum „Körper“. Die Tiefe der
Farbschichten erzählt vom Ringen mit dem Material. Dieses
Narrativ der Haptik bildet einen bewussten Gegenpol zur
flüchtigen, zweidimensionalen Ästhetik des digitalen
Zeitalters.
Das Werk „erzählt“ somit nicht durch eine gegenständliche Szene,
sondern durch die Ehrlichkeit seiner eigenen Entstehung. Der
Betrachter wird zum Archäologen, der die zeitlichen Ebenen des
Schaffensprozesses im Werk dechiffriert.
« Ich bin erst zufrieden,
wenn es mir gelingt,
das Bild von meiner ursprünglichen Absicht zu lösen
und mich selbst zu überraschen. »